Oral History

Erinnerung an ein Gespräch mit Agnes Lukele, Lusitania am 21.10.2009

Agnes Lukele ist eine ca. 85 jährige Frau. Sie hat 30 Jahre lang für eine deutsche Arztfamilie in Johannesburg als Hausmädchen gearbeitet. Seit ihrer Rentnerinnenzeit lebt sie wieder in Lusitania trotz ihrer Behinderung allein in einer der üblichen Lehmhütten.

Zur Geschichte Lusitanias erzählt sie, dass der weiße Farmer Chomerald Marais kurz nach dem englisch-burischen Krieg 1899-1902 seine Farm verkaufen wollte. Die 20 auf der Farm ansässigen Arbeiterfamilien waren sich einig, dass sie das Land kaufen wollten. Die Verhandlungen hat Mr.Mavuso mit dem Farmer geführt. Von ihm war auch die Initiative zum Kauf der Farm ausgegangen. Er war der einzige der aufgrund seiner guten Englischkenntnisse mit dem Farmer verhandeln konnte. Für den Erwerb der Farm haben die Familien ihre Rinder verkauft und je nach eingesetztem Geldbetrag das Farmland untereinander aufgeteilt. In den ersten Jahren war es freier Grundbesitz – aufgeteilt in Gemeindeland (commonage) und Familien freehold land. Jede Familie hatte ihre eigenen title deeds. Alle – die Familien kamen ursprünglich aus unterschiedlichen Landesteilen - hatten die gleichen Rechte. Dies änderte sich erst, als Land verkauft wurde und einer der neuen Besitzer sich zum Chief erklärte und sie dadurch zu einer Gemeinschaft wurden. Agnes spricht nicht sehr positiv über den Chief – sein Nachfolger lebt nicht in Lusitania und auf seinen Stellvertreter – Mr. Khumalo, der in Lusitania lebt, ist sie auch nicht gut zu sprechen. Auch die Mutter des jetzigen Chiefs, die wir während unseres ersten Besuchs 2004 als resolute Gogo kennen gelernt hatten, wird in ihr vernichtendes Urteil mit einbezogen. Wieso die Menschen es überhaupt akzeptiert hatten, dass sich ein Zugewanderter als Chief erklären konnte, kann Agnes nicht beantworten

Von Beginn an gab es 3 Treuhänder (Trustees), deren Nachfolger heute in Ladysmith leben und kaum einmal nach Lusitania kommen.

Über die Zeit der Apartheid kann Agnes nur wenig berichten. Lusitania wurde zum black spot erklärt und eine Zwangsumsiedlung drohte. Das ist glücklicherweise nicht passiert, aber weiße Farmer haben das Land mit Zugang zu Wasser als ihr Eigentum erklärt. Bis heute ist dieses Land nicht an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben worden. Die Ansprüche sind aber registriert worden.

Ein großes Problem sind die Tenants. Heute leben wesentlich mehr Tenants als Landbesitzer in Lusitania. Ursprünglich durften sie zwei Kühe und sieben Ziegen mitbringen, um Kahlfraß zu verhindern. Daran hält sich heute keiner mehr. Agnes – sie gehört zu den Landbesitzerfamilien - zeigt auf eine kümmerliche Hecke vor ihrem Haus. „In meiner Kindheit war dies eine dichte blühende Hecke und sie hat dafür gesorgt, dass unser Land geschützt wurde. Und wir alle hatten viele gut tragende Obstbäume vor unseren Häusern stehen. Wir konnten uns gut von dem Land ernähren.“

Nach dem Gesetz dürfen die Tenants für 10 Jahre bleiben. Danach müssen sie weiterziehen. Lässt man diesen Zeitpunkt verstreichen und möchte die Tenants später fortschicken, muss die Gemeinschaft für Ersatzland sorgen. Da dies nicht möglich ist und sich sowieso keiner so recht um die Einhaltung der Frist gekümmert hatte, blieben die Tenants und es wurden immer mehr. Die Pachtgebühr beträgt 50 Rand pro Jahr. Aber die meisten Tenants zahlen nicht einmal diesen geringen Betrag.

Agnes beklagt, dass die Trustees kaum Einfluss auf die Geschicke der Gemeinschaft nehmen. Wenn zu Treffen einberufen wird, kommt keiner, weil es im Vorwege schon zu Spannungen zwischen den Landbesitzern und den Tenants gekommen ist. Es klingt so, als würden sich die Landbesitzer bedroht fühlen.

Ein weiteres Problem sieht sie in der Abwanderung der jungen, gut ausgebildeten Kinder vor allem der Landbesitzer. Sie leben heute in den größeren Städten, haben wichtige Funktionen inne, aber kümmern sich nicht mehr um die Geschicke der zurückgebliebenen Menschen in Lusitania. Und sie haben kein Interesse daran, jemals wieder zurück zu kehren. (Anmerkung: Während unseres Besuchs 2004 kamen zwei der Mavusosöhne und ein weiterer „Abgewanderter“ eigens aus Ladysmith, um uns zu besuchen. Sie hatten davon gehört, dass sich Ausländer in Lusitania aufhalten würden. Ihre große Sorge war, dass wir Mitglieder einer Zeltmission seien, die Wünsche wecken würden, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.)

Ganz allgemein beklagt sie die Faulheit der Menschen in Lusitania, aber auch die schlechte Ausbildung. Sie macht das fest an der Verlegung der Stromkabel (3 Tage vor unserer Ankunft wurde endlich Strom gelegt). Die Arbeiter haben zwar die Kabel bis ans Haus gelegt und sind dann verschwunden. Alles weitere müssen die Hausbewohner selbst leisten.

Fazit des Gesprächs: Früher war alles besser, warum kann es nicht wieder so werden.

aufgeschrieben von Christiane Wietzke
 

Delegiertenkonferenz 2002 in Hildesheim - Texte und Bilder

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